Ritualisierung, Ritual, Tradierung, Tradition

„Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche.“

                                                                                                           (Gustav Mahler)


Die Unterscheidung dieser Begriffe treibt mich seit ein paar Tagen um, und angefangen hat es mit einem Frühstück bei meiner Tante. Am Abend des gleichen Tages noch wurde ich krank, was, wie ich betonen möchte, nichts mit dem Frühstück zu tun hatte. Irgendwie schleppte ich mich zur Arbeit und war am nächsten Morgen total daneben. Als eben jene Tante mich dann zufällig anrief und das hörte, lud sie mich zum Übernachten ein, was wunderbar war, denn so konnte ich mich einfach mal wieder von vorne bis hinten verwöhnen lassen. Dann folgte noch ein Frühstück, noch eine Übernachtung,… wir verbrachten fast die ganze Woche zusammen, denn sie hatte Urlaub, und da mein Liebling ja gerade in der Wüste unterwegs ist und ich für die zu schreibende Hausarbeit zu schlapp, passte es perfekt. Dies nur zum Vorlauf, der geneigte Leser wird sich mit Recht fragen, was das mit dem Titel zu tun hat. Einiges, wie mir klar wurde. Ich habe mich wohlgefühlt. Nicht auf die Art, wie es vielleicht der Fall ist, wenn man im Urlaub ist, oder einem schönen Café oder so, sondern heimelig wohl, denn:

Ich bin ein Ritual- und Traditionsmensch. Beides gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit.

Ich komme aus einer Tradentenfamilie, auf ganz unterschiedlichen Ebenen: Es gibt sehr viele Insider in meiner Familie, die entweder schon aus den Familien meiner Eltern stammen, oder aber solche, die wir selbst geprägt haben. Das können auch Zitate aus Filmen sein („Dann isses ja gut“ aus Ronja Räubertochter zum Beispiel) oder aber auch die Filme an sich, die uns ein bestimmtes Gefühl der Kindheit vermitteln, so eine Art warmer Kakao für die Seele. Das sind vor allem die Astrid-Lindgren-Verfilmungen, Augsburger Puppenkiste, tschechische Märchenfilme,… Es kommt tatsächlich vor, dass wir sie von Zeit zu Zeit noch zusammen schauen, mindestens aber drüber reden.

Wir tradieren auch Begebenheiten. Erzählen uns immer und immer wieder, wie dies und das doch gewesen ist, damals im Winterurlaub oder mit Uroma/ den Großeltern,… Das hält das Erlebte lebendig und vermittelt einen Hauch des Gefühls des Erlebten.

Echte Traditionen leben wir auch, vor allem an Feiertagen wie Weihnachten und Ostern, da gibt es auch wieder alte Traditionen, die meine Eltern von zu Hause mitbringen, und solche, die in unserer Familie gerade erst in der Generation meines Bruders und mir Tradition werden. Man ist durch solche Traditionen nicht unter dem Druck, etwas neu für sich erfinden zu müssen, sondern kann sich ein wenig ausruhen, fallenlassen. Wie entspannend heutzutage!

Das, was ich jetzt in den letzten Tagen bei meiner Tante erleben konnte, war noch nicht Tradition glaube ich, wohl aber Ritual. Bettfertig machen zum Beispiel läuft immer, also auch wenn wir zusammen in den Urlaub fahren, nach einem festen Ritual ab (also das volle Beauty-Verwöhn-Programm). Dazu gehört, dass sie die Führung übernimmt und ich mich ganz in die Rolle derer begebe, die die Anwendung genießen kann (und das entsprechend lobt). Ein Ritual, an das ich mich gewöhnen kann! 🙂 Lustigerweise vermittelt dieses Ritual eben genau das Gefühl: Wir sind im Urlaub. Im Urlaub also hat eine Ritualisierung begonnen, die jetzt schon greift.

Beim Frühstück ist es ähnlich: Traditionell (!) gehört dazu aufgeschnittener Apfel und Karotte, sowie ein gekochtes Ei, Toasties, Finn-Brötchen, Dinkelbrot und irgendwas mit Körnern. You get the point? Es ist eine mega-Auswahl! Zu trinken gibt es, auch traditionell Frühstückssaft-Schorle und Kaffe. Zum Ritual gehört es, dass meine Tante Hummlen im Hintern hat und ich meistens noch nicht mal mein Brot selbst toasten kann, weil sie bereits aufgesprungen ist. Außerdem betonen wir eine gefühlte Milliarde mal, wie gut es uns doch geht (es stimmt ja auch!).

Es ist ein Ritual, das traditionelle Elemente hat und vielleicht gerade selbst zur Tradition wird, denn wir treffen uns regelmäßig. Auch das erste Mal, dass meine Tante meinen Freund kennenlernte, war bei einem Frühstük bei ihr. Also doch schon Tradition? Auf jeden Fall konnte er da schon mal sehen, worauf er sich u.a. so einlässt… 😉

Abschließend: Der ein oder andere mag das vielleicht für langweilig oder eingefahren halten, aber ich wäre nicht ich ohne diese Verbundenheit mit dem Vergangenen und der Freude am Wiedererleben und Ritualisieren von Schönem (nicht alles, was schön ist, wird tatsächlich Ritual, auch das finde ich spannend: Welche Dinge schaffen es, welche nicht und warum?). Es geht ja auch nicht um stumpfes Wiederholen, sondern um ein Lebendighalten von Dingen, die einem wichtig sind. Wie könnte das je langweilig werden?

 

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