Paradiesgarten-Brot oder: Von der Gunst des Zufalls

„Mine is the sunlight, mine is the morning,
born of the one light, Eden saw play.
Praise with elation, praise every morning
God’s recreation of the new day.“

(Cat Stevens)

Wir hatten kein Brot mehr in der WG, das war die Gelegenheit, auf die ich gewartet hatte: In den Startlöchern, mal wieder Brot zu backen. Vielleicht nicht unbedingt aus wirtschaftlichen Gründen, rechnet man Zutaten und Energie: Brot wird mittlerweile in Backshops und Discountern so billig angeboten, es wird immer schwerer, Handwerksbäcker zu finden, dass es mehr und mehr zum Centartikel wird. Aber ganz ehrlich: Will man das? Will man eine Scheibe Brot von der Konsistenz eines Tafelschwamms essen, mit ungefähr genausoviel Seele (das tut mir jetzt Leid für alle Schwämme), dafür aber vollgepackt mit Farb-, Aroma- und Konservierungsstoffen? Ich jedenfalls nicht. Farbstoff in Brot? Wofür denn das bitte? Was ist verkehrt an der Farbe, die sich nun mal aus den Zutaten von sich aus ergibt? Und natürlich muss mit Aromastoffen nachgeholfen werden, wenn die Seele bei der Zubereitung fehlt…

Ich liebe es zu backen, aber besonders schön ist es, Brot zu backen. Es gibt kaum etwas in der Küche, das ich so befriedigend finde und unglaublich spannend, und das, obwohl es meistens dauert… und dauert… und dauert… Aus recht wenigen Zutaten wird am Ende etwas, das ein wichtiges Nahrungsmittel ist, und das selig macht, wenn es warm und duftend aus dem Ofen kommt mit einer Kruste, die so verführerisch kross ist, dass ich mich nur selten beherrschen kann, es sofort anzuschneiden (um es, noch lauwarm mit Meersalzbutter oder Butter mit Fingersalz zu vespern).

Macht glücklich: Lauwarmes Brot mit Butter und Rosmarin-Salz

Macht glücklich: Lauwarmes Brot mit Butter und Rosmarin-Salz

Beim Zubereiten des Teiges, was mit viel Handarbeit, aber auch immer wieder mit Ruhephasen verbunden ist, fließen all meine Gedanken in den Laib, der entsteht, was sehr sehr ausgeglichen macht.

Ich hatte mir ein Rezept für Polka-Dot- Brot aus der LECKER N° 3/ 2014 ausgesucht, das mit roter Bete gebacken wird. Dadurch wird der Teig: PINK!

Hier allerdings kommt der Zufall ins Spiel. Meine Mitbewohnerin hatte sich an diesem Tag einen Entsafter gekauft: Ein tolles Gerät, das natürlich sofort ausprobiert werden musste: Es gab Apfel-Karotten-Orangensaft für den Vitamin-Kick zwischendurch. Beim Entsaften blieb eine Menge Fruchtfleisch zurück (knapp 300 g), um die es mir Leid war, sie einfach wegzuschmeißen. Bei mir dachte ich: Was mit roter Bete geht, geht auch hiermit…

Und so wurde es gemacht:

Zutaten für 1 Brot (ca. 1 kg; ca. 25 Scheiben):

  • 1⁄2 Würfel frische Hefe
  • 600 g Weizenmehl (Type 550)
  • Salz
  • 2 EL Olivenöl
  • 250 g geraspelte Äpfel und Karotten
  • 100 g Dinkelkörner, in lauwarmem Wasser ca. 1 h eingeweicht. Ich versuche, in jedes Brot, das ich backe, zumindest etwas Dinkel zuzumischen, ich mag diesen fein-süßlichen Geschmack. Hildegard von Bingen sagt hierzu:

“Dinkel ist das beste Getreide, fettig und kraftvoll und leichter verträglich als alle anderen Körner. Es verschafft dem, der es isst ein rechtes Fleisch und bereitet ihm gutes Blut. Die Seele des Menschen macht er froh und voll Heiterkeit. Und wie immer zubereitet man ihn isst, sei es als Brot, sei es als andere Speise, ist er gut und lieblich und süß.”

1 Hefe zerbröckeln und in 400 ml warmem Wasser auflösen. Mehl und 1 1⁄2 TL Salz in einer großen Schüssel mischen. Hefe­wasser und Olivenöl zugießen. Alles mit den Knethaken des Rühr­geräts zügig zu einem weichen Teig verkneten. Teig mit einem Geschirrtuch zugedeckt am warmen Ort ohne Zugluft ca. 1 Stunde gehen lassen.
2 Äpfel und Karotten sowie abgetropfte Dinkelkörner unter den aufgegangenen Teig kneten, diesen dann erneut ca. 1 Stunde zugedeckt gehen lassen.
3 Den gegangenen Teig auf einer bemehlten Arbeits­fläche zu einer Kugel formen (er ist SEHR weich – sollte es nicht gehen, am Besten mit einer Teigkarte bearbeiten). In einem mit Mehl ausgestäubten Brotgärkorb (ca. 22 cm Ø; z. B. von Birkmann, ca. 15 €) ca. 1 Stunde (bzw. bis sich das Teigvolumen verdoppelt hat) zugedeckt gehen lassen.
–> Sagt zumindest das Rezept bei LECKER. Einen Brotgärkorb besitze ich nicht, will mir nur immer wieder einen anschaffen, also habe ich mir mit einer großen Schüssel beholfen, die ich mit einem bemehlten Geschirrtuch ausgekleidet habe. Das funktionierte ganz gut bis auf ein paar wenige Stellen, wo noch Teig anhing.
Paradiesgarten-Brot im Gärkorb-Ersatz

Paradiesgarten-Brot-Teig im Gärkorb-Ersatz

4Ofen vorheizen (E-Herd: 250 °C/Umluft: 225 °C/Gas: s. Hersteller), hierbei eine feuerfeste Schüssel mit Wasser in den Ofen stellen. Backblech mit Backpapier auslegen. Brot vorsichtig aus dem Korb auf das Blech stürzen. Sofort in den heißen Ofen schieben. Ca. 15 Minuten backen. Temperatur reduzieren (E-Herd: 225 °C/Umluft: 200 °C/Gas: s. Hersteller) und weitere 15–20 Minuten backen. Herausnehmen und auf einem Kuchengitter auskühlen lassen.

Dadurch, dass es ein so weicher Teig war mit verhältnismäßig vielen schweren feuchten Zutaten, wurde der Laib recht flach und breit, was aber dem Geschmack nicht den geringsten Abbruch tut. Beim Anschneiden sieht man dann diese wunderbare gelbliche Farbe, es hat etwas Sonniges und ist genau das Richtige für einen Start in einen Tag, der eigentlich nur noch gut werden kann. Durch die Dinkelkörner hat das Brot Biss, einige Stückchen Apfel und Karotte sind noch etwas gröber, was sehr spannend ist. Grundsätzlich dominiert weder das eine noch das andere Aroma, sondern es ist eine sehr harmonische Angelegenheit und schmeckt sowohl herzhaft als auch süß.

Der Favorit beim Frühstück: Mit Zickli aus der Molkerei Hüttenthal und Zwiebel-Chutney

Der Favorit beim Frühstück: Mit Zickli aus der Molkerei Hüttenthal und Zwiebel-Chutney

Ein Einkauf beim Dattelschlepper

מַה־מָּתֹ֣וק מִדְּבַ֔שׁ וּמֶ֥ה עַ֖ז מֵאֲרִ֑י

„Was ist süßer als Honig, und was ist stärker als ein Löwe?“

(Jud 14,18b)

Es war am letzten Samstag: Mit dem Vorsatz, kein Geld auszugeben und nur zu schauen, fuhr ich vollständig gewandet und mit viel Vorfreude im Bauch zum Mittelaltermarkt auf der Ronneburg.

Es war im Grunde schon vorprogrammiert, dass aus diesem Vorsatz nichts werden würde, denn wie jedes Mal wurde mir das bunte und verführerisch nach Süßem duftende Zelt des Dattelschleppers zum Verhängnis: Ein buntes Angebot orientalischer Süßigkeiten, getrockneter Früchte und Nüsse… Am Liebsten hätte ich einfach alles mitgenommen, aber erstens hätte ich das gar nicht tragen können, zweitens: So habe ich noch viel viel Neugier auf den nächsten Markt… Ja, man kann auch online bestellen, macht aber nicht halb so viel Spaß (auch wenn es etwas günstiger ist): Um vor dem PC zu sitzen, braucht man sich nicht zu gewanden, und auch das liebe ich sehr: Für einen Tag abtauchen in eine andere Welt… Natürlich muss man sich dessen bewusst sein, dass dies mit echtem Mittelalter so gut wie nichts zu tun hat, aber trotzdem: Es ist einfach schön. Die Musik, Gaukler, der Geruch von Lagerfeuer,… all dies lässt Sorgen weit weit weg rücken.

Aber zurück zum Dattelschlepper: Ich entschied mich dieses Mal für:

Rosen-Lokum

Eine orientalische Süßigkeit aus Sirup, aromatisiert mit Rosenwasser. Lokum ist weich und süß und schmeckt unglaublich duftig nach Rosen. Eine rosarote Brille für den Gaumen, es verursacht Schmetterlinge im Bauch und jagt ein Lächeln über mein Gesicht, das lange lange anhält.

Shir Perah

Sahnekonfekt aus Afghanistan mit Nüssen und Kardamom – genauso gehaltvoll, wie es klingt.

Persische Mischung

Eine Mischung aus Trockenfrüchten und Kichererbsen, und für mich ein absolutes Muss. Sie besteht aus Berberitzen, Rosinen, weißen Maulbeeren, Babyfeigen (irgendwie muss ich bei dieser Kombination immer an Amos aus Tekoa denken, der wohl neben seiner Tätigkeit als Prophet, was er allerdings vehement abstreitet, Maulbeerfeigenzüchter war), gerösteten Kichererbsen und – mein Highlight: Noqul-Kichererbsen. Das sind Kichererbsen kandiert mit einer Rosenwasser-Zucker-Mischung…

Mit diesen Süßigkeiten konnte ich mich dann fühlen wie in 1001 Nacht, allerdings Gott sei Dank ohne den Druck, jede Nacht eine Geschichte erzählen zu müssen, um nicht zu sterben… Aber auf jeden Fall duftig, kostbar und etwas geheimnisvoll…

Muhallabieh

„Muhallabieh, Malabi, Ksab, Suttlaj, Sahleb – dies alles sind Namen für Desserts und gesüßte Getränke auf Milchbasis, die den Jerusalemern fast so teuer sind wie die heiligen Steine der Altstadt.“

(aus: Ottolenghi, Yotam/ Tamimi, Sami: Jerusalem. Das Kochbuch)

Jerusalem-Das-Kochbuch-Yotam-Ottolenghi-Sami-Tamimi

Es gibt Gelegenheiten, da geht mir ein Gericht einfach nicht mehr aus dem Kopf, bis ich es gekocht habe. Das war hier der Fall. Und jetzt, nachdem ich es gekocht habe, geht es mir erst recht nicht mehr aus dem Kopf!

Folgende Situation: Mein Liebster kam nach 10 Tagen jordanischer Wüste mit Rucksack usw. (der geneigte Leser weiß Bescheid) nach Hause und erzählte von einem Dessert, welches ihnen der Dekan am letzten Abend zubereitet hatte. Die Beschreibung klang toll, und ich wollte es unbedingt kochen. Da sein Jerusalem-Kochbuch (aus welchem obiges Zitat stammt) gerade bei mir zur Untermiete wohnt, dachte ich, es käme auf einen Versuch an und siehe: Tatsächlich! Die erste Seite, die ich aufschlug, zeigte eine Abbildung, die exakt zu seiner Beschreibung passte, so auch die Liste der Hauptzutaten. Ich hatte alles dafür im Haus! Also: Nichts wie ran an den Herd. Uhrzeit? Tut nichts zur Sache…

Es handelt sich um einen Milchpudding, der mit Kokosraspeln und Nüssen/ Pistazien/… bestreut wird, im Grunde sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Traditionell wird er mit Rosenwasser verfeinert.

So steht das Rezept im Buch (Mengenangaben für sechs Personen), ich habe etwas variiert, das schreibe ich auch dazu, weil es echt lecker war:

Für den Pudding

  • 50 g Speisestärke
  • 500 ml Vollmilch
  • 80 g Zucker
  • 25 g Kokosraspel
  • 25 g Pistazienkerne, gehackt (ich hatte leider nur Cashews, die gehen auch nicht so ins Geld wie Pistazien; da ich Letztere aber sehr liebe, werde ich den Nachtisch zu meinem Geburtstag nochmal mit Pistazien kochen)
  • Für MEINE Version: 1 Kardamomkapsel

Für den Sirup

  • 60 g Zucker
  • 1 Lorbeerblatt
  • 1/4 Vanilleschote, das Mark herausgekratzt
  • Für MEINE Version: 3-4 Tropfen Rosenwasser
  1. Stärke mit 100 ml Milch zu einer glatten Paste verrühren
  2. Restliche Milch mit 200 ml Wasser, [Kardamom] und Zucker langsam erhitzen, bis sich der Zucker aufgelöst hat
  3. Sobald es zu dampfen beginnt, Stärkemischung unterrühren und weiterrühren, bis alles kocht und eindickt
  4. Auf Dessertschalen verteilen [Kardamom herausnehmen, es sei denn, man möchte orakeln: Wer ihn findet, wird bald heiraten, oder so ;-)] und mit Frischhaltefolie abgedeckt mindestens drei Stunden im Kühlschrank festwerden lassen
  5. Für den Sirup Zucker, Lorbeerblatt, Vanilleschote und -mark mit 60 ml Wasser bei geringer Temperatur erhitzen, bis sich der Zucker aufgelöst hat
  6. [Rosenwasser dazugeben], vom Herd nehmen und abkühlen lassen
  7. Die Schälchen mit Kokosraspeln und Pistazien bestreuen und mit Sirup beträufeln.

Man kann auch ca. 10 g weniger Stärke verwenden und es als Getränk servieren, das ist mit Zimt besonders lecker. Ich habe es in Istanbul getrunken, und da ich an diesem Tag leicht krank war (Halsschmerzen), war diese warme, süße, etwas dickere Milch mit Zimt wie das Paradies; in dieser Form heißt es Sahleb.

Ein „tierischer“ freier Tag

„Hochwohlgeborener Herr,

Insbesondere hochgeehrtester Herr Oberjägermeister!

Auf Serenissimi hochfürstlicher Durchlaucht gnädigsten befehl überschicke [ich] anbey die verlangten Riße von der Phasanerie, welche [ich] nach gnädigster Intention Ihrer hochfürstlichen Durchlaucht gezeichnet habe. Die Ausziehrung dieser Riße hätte wohl besser seyn können, die hiesige viele bauarbeit aber, womit ich gäntzlich überladen bin, hat mich daran verhindert, jedoch thut es zum Hauptwerck nichts. Ich wünsche, dass es gnädigste Approbation finden möge.

Der ich mich Ihrer durchlaucht unterthänigst zu Füßen zu legen bitte, und verharre Ew. hochwohlgebohrnen gnaden

Gantz gehorsambst Ergebenster diener

F. A. Stengel

Saarbrücken, den 16ten Juli 1744″

25 Jahre Tag der Deutschen Einheit, wie schön! Aber vor allem: Wie schönes Wetter! An einem so strahlenden Oktobertag bei sommerlichen Temperaturen in der Wohnung zu bleiben, wäre eine Schande. Also, nach dem obligatorischen Tantenfrühstück nichts wie raus. Wohin? Durch den Wald in die Fasanerie. Kurz davor wären wir fast wieder umgekehrt, denn auf dem Parkplatz prügelten sich entnervte Eltern beinahe mit anderen entnervten Eltern um Mikromillimeter große Parklücken, während es ihnen deren Kinder auf der Rückbank gleichtaten. Durch die halbheruntergefahrenen Scheiben! Ein apokalyptisches Aggressions-Inferno!

Aber wir kämpften uns durch, überlegen lächelnd zu Fuß hindurchschreitend wie Israel durchs Schilfmeer: Geschrei wie eine Mauer zur Rechten und zur Linken… um uns dann, beinahe in einer Oase der Ruhe in diesem wirklich schönen und traditionsverhafteten Tierpark wiederzufinden. Tradition meint in dem Fall sowohl die lange Geschichte der Fasanerie (die bereits im frühen 18. Jhdt. beginnt), sowie meine Geschichte. Für Wiesbadener Familien mit kleinen Kindern ist der Tierpark wohl schon immer ein beliebtes Ausflugsziel, und meine Familie stellte keine Ausnahme dar. Noch immer stellt sich dieses bestimmte Gefühl der Ausflüge von früher ein – meistens hatten wir dann Besuch einer befreundeten Familie mit Kindern im annähernd genau gleichen Alter, die mit von der Partie waren – Nachmittage mit Butterkeksen und Apfelschorle aus Tuppertrinkbechern an der frischen Luft. Nachmittage, an denen nur eins präsent war: Zusammen eine gute Zeit zu haben und das Gefühl, dass es nur das Jetzt gibt.

Die Tiere, die es dort zu sehen gibt, sind allesamt heimisch, oder zumindest ehemals heimisch: Klein- und Nutztiere, aber auch Bären, Wölfe, Luchse, verschiedene Vögel, Rot- und Dammwild und: Nutria! Nutria sind meine absoluten Lieblinge in der Fasanerie, und das schon immer. Früher hat sich bei uns der Name „Alte Opas“ eingebürgert, denn so sehen die aus. Die meisten sind grau, haben einen Bart,… ich könnte ihnen stundenlang bei der Körperhygiene zuschauen, ich bin jedes Mal versucht zu fragen, ob ich dem Herrn noch Duschgel reichen soll… 🙂

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Dann hier noch der Werbeblock für die Fasanerie: Schaut sie Euch an, es kostet keinen Eintritt, und wer sie noch von früher kennt: Es hat sich eine Menge getan, und das ist schön zu sehen. Ich hoffe, sie bleibt Wiesbaden noch lange erhalten! Hier gibt es mehr Info: http://fasanerie.net

Viel Spaß!

Sommerweste mit Zöpfen und Rundpasse

Endlich fertig: Ein Weihnachtsgeschenk für meine Mama – für LETZTES Jahr.

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Es lief in etwa so ab: Ich: „Ich möchte Dir gerne etwas zu Weihnachten stricken, aber such Du Dir doch aus, was Du gerne haben möchtest.“ Mama: „Eine Weste wäre super.“ Ich: „Was denn für eine?“ Ich habe dann vorgeschlagen, eine Auswahl an Strickmustern zu treffen, woraus sie sich eine aussuchen kann. Dieser Prozess war am Langwierigsten, das Stricken an sich recht flott (mit Unterbrechungen ca. 2 1/2 Monate. Die Wolle ist von meiner Mama, die hat sie sich vor ca. 30 Jahren ausgesucht, aber nie etwas damit gemacht. Sie wird schon gar nicht mehr hergestellt, irgendwie schön, dass jetzt was damit passiert.

Das Strickmuster ist von Drops Design, gefunden habe ich es aber auf meiner Lieblingsstrickseite (würde ich viel häkeln wäre es wohl auch meine Lieblingshäkelseite): www.ravelry.com. Hier geht es direkt zu diesem Projekt: http://www.ravelry.com/projects/Irishfairydancer/121-27-waistcoat-in-alaska-with-raglan-and-cables-on-yoke.

Das Muster ist an sich nicht schwer, aber etwas mühselig zu zählen, da Rücken und Vorderteile in einem gestrickt werden, ich sah mich also in der „glücklichen“ Lage, 282 Maschen anschlagen zu dürfen. Nach Zunahme waren es dann 322, immerhin wurden es dann Richtung Hals immer weniger.

Dann fehlten nur noch die Knöpfe (wobei ich nicht gedacht hätte, dass ein Plastikknopf so teuer sein kann…), vier an der Zahl + ein Reserveknopf (der ist oben am Etikett angebunden), und: finis!

Ein Hinweis: Ja, es ist WIRKLICH wichtig, nur mit Wolle einer Partie zu stricken, wenn man nicht will, dass genau das passiert, was bei mir in der Hälfte der Weste der Fall war. Ich hatte Knäule aus zwei unterschiedlichen Partien erwischt, was zur Folge hat, dass die Weste nun oben dunkler ist als oben. Zunächst habe ich geflucht, dann aber konsequent mit der eine Nuance dunkleren Wolle weitergestrickt, jetzt ist es sozusagen eine Weste mit Ombre-Effekt. Selbstverständlich pure Absicht… 😉

Morgen werde ich sie überreichen, ich hoffe, sie passt und gefällt!

Update: Sie gefällt, und wie – aber passt nicht. Zu eng. Oh NEIN!!! Das heißt: ALLES nochmal komplett neu. Gut, genug Wolle habe ich, es ist noch was übrig, also wird jetzt halt doch in der allergrößten Größe gestrickt. Oder in einen Maschenrechner investiert… Mal sehen… Hab damit halt noch nicht wirklich gearbeitet und es ist glaube ich auch bei einem Muster gar nicht so ohne Weiteres möglich. Es wird also noch richtig spannend, vor allem das Auftrennen…

Ein Tagesausflug nach Colmar

„Dies ist ein schönes Land, sowohl der Wein als auch die Bürger Colmars sind über alle Maßen gut.“

(Voltaire)

Dies gilt in der Tat für noch sehr vieles Andere, das man im Elsass antreffen kann: Kunst, Architektur, Landschaft,… aber immer immer wieder begeistert mich die Kulinarik.

Nachdem mich also vor einiger Zeit meine Mutter fragte, ob ich nicht Lust habe, einen ökumenischen Tagesausflug unserer Gemeinde und der katholichen Schwesterkirche mit dem Bus und nach Colmar zu machen, dachte ich an die Möglichkeit, dort einzukaufen und hatte direkt einen recht langen Einkaufszettel im Kopf, aber auch die Befürchtung, vielleicht ein so straffes Programm zu haben, dass es gar nicht zum Einkaufen reichen könnte.

Zunächst stand ein Stadtrundgang auf dem Plan, dann die Besichtigung des Isenheimer Altares sowie der „Maria im Rosenhag“, dann, endlich endlich: drei ganze Stunden zur freien Verfügung. Ich schnappte mir meine Mutter und unsere Pfarrerin, ihre Freundin, und wir warfen erst einmal gemeinschaftlich unseren Abendessensplan um: Statt abends Pizza zu holen beschlossen wir, eine Auswahl aller möglicher Quiches mitzunehmen. Es durfte natürlich die Lorraine nicht fehlen, außerdem, und die fand ich am Spannendsten, eine mit Choucroute und Munster, dann mit Tomaten und Zucchini, sowie mit Lachs und Lauch.

In der Markthalle, in der im Übrigen gerade eine Art frühes Erntedankfest gefeiert wurde, erstand ich Gesiers de Canard Confit (konfierte Entenmägen)

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, die gab es zur Vorspeise mit Feldsalat und Walnüssen:

Gesiers de Canard mit Feldsalat und Walnüssen:

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Es ist so lecker und total easy zuzubereiten:

  • Den Feldsalat putzen
  • Eine Vinaigrette zubereiten aus Essig, Öl, Senf, Salz, Pfeffer, etwas Zucker
  • Walnüsse hacken und in einer Pfanne ohne Fett anrösten, herausnehmen
  • Gesiers in Scheiben schneiden und in der Pfanne scharf anbraten. Ich habe, das muss man aber nicht, ganz zum Schluss etwas Butter drübergegeben.
  • Salat mit Vinaigrette nappieren, Gesiers und Walnüsse darüber, fertig.

Das, was rechts oben in der Ecke liegt ist Pain d’épices, ein Gewürzbrot, für das vor allem in Reims und Dijon seit dem 15./ 16. Jhdt. bekannt sind. Ich habe eine Version mit Feigen ausgesucht, da ich schon den Plan hatte, es mit der Vorspeise zu kombinieren. Für mich hat es sich als genial herausgestellt, der Rest der Truppe war nicht mutig genug und hat es zum Nachtisch gegessen. Also: Es ist alles möglich!

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Hier ein Rezept für eine ganz einfache, aber nicht minder leckere Variante, aus der LECKER N° 10/ 2013 (oder auf http://www.lecker.de):

Zutaten für ca. 20 Scheiben:

  • 3 EL + etwas Butter
  • 200 g Mehl
  • 100 g Zucker
  • 1⁄2 TL Natron
  • 1 TL gemahlener Zimt
  • 1⁄2 TL gemahlener Anis
  • 1⁄4 TL ge­mahlener Ingwer
  • 1⁄4 TL gemahlener Kardamom
  • 2 EL Honig
  • 1 Eigelb (Gr. M)
  • Alufolie

Zubereitung von Pain d’épices:

1 Backofen vorheizen (E-Herd: 200 °C/Umluft: 175 °C/Gas: s. Hersteller). 3 EL Butter bei schwacher Hitze schmelzen. Mehl, Zucker, Na­tron, Gewürze, flüssige Butter, Honig, 100 ml Wasser und Eigelb mit den Schneebesen des Rührgeräts 2–3 Minuten verrühren.
2 Eine Kastenform (25 x 11 cm, ca. 1,5 l Inhalt) fetten, den Teig gleichmäßig darin verteilen. Im heißen Ofen 30–35 Minuten backen. Nach ca. 20 Minuten mit Alufolie abdecken.
3 Brot aus der Form stürzen. Auf einem Kuchengitter ca. 2 Stunden auskühlen lassen. Hält sich in Alufolie gewickelt ca. 1 Woche.

Apfel-Cranberry-Chutney

Was tun, wenn man zwei Tage, bevor man in den Urlaub fährt, 2 Kg frühe Äpfel geschenkt bekommt und die Tiefkühltruhe so voll ist, dass man höchstens einen Fingerhut voll Apfelmus einfrieren kann? Genau: Einkochen. In diesem Fall Apfelchutney.

Das Rezept habe aus der

out-pictures-master-category-icon-genuss-1-jpg150x90-01345462799genuss(1) 08/2014, habe es allerdings ein wenig abgewandelt. Ich kenne zum Beispiel Menschen, die aus irgendwelchen Gründen keine Rosinen mögen, deswegen Cranberrys, die mag ich sowieso irre gern. Kandiszucker habe ich durch Rapadura-Zucker ersetzt, für den ich mich an dieser Stelle mal stark machen möchte. Er schmeckt so karamellig-würzig, dass man ihn verwenden sollte, wann immer man etwas nicht einfach nur eindimensional süß, sondern spannend machen möchte.

Zutaten:

  • 150g Zwiebeln
  • 150 g Cranberrys (Rezept: Rosinen)
  • 1 EL Senfkörner
  • 1 TL Salz
  • 1 TL geriebener frischer Ingwer (im Rezept steht „evtl. 1 TL gemahlener Ingwer. Quark, auf dieses Staubzeug stehe ich gar nicht! Außer auf getoastetem Brot mit Butter und Salz, aber das ist eine andere Geschichte, fällt unter Kindheitserinnerung…)
  • 1 Prise grob geschrotete Chilischote
  • 250 ml Weißweinessig
  • 600g Rapadura-Zucker (das Rezept sagt brauner Kandis, ist womöglich authentischer, aber wie gesagt: Rapadura-Addict!)
  • 1 Kg feste säuerliche Äpfel
  • Gläser mit Twist-off-Deckel oder Weckgläser

Zubereitung:

  • Zwiebeln schälen und fein würfeln
  • Ingwer schälen und fein reiben (ich schwöre auf Microplane!)
  • Cranberrys, Zwiebeln, Senf, Salz, Ingwer, Chili, Essig und Zucker unter Rühren aufkochen und 20 Minuten bei kleiner Hitze köcheln lassen
  • Äpfel schälen, vierteln, entkernen und in feine Scheiben schneiden (man kann sie sicher auch würfeln, dann müssen sie aber ziemlich klein sein oder man verlängert die Kochzeit. Reiben sieht nicht so hübsch aus, denke ich), auch in den Topf geben und bei mittlerer Hitze 3-5 Minuten köcheln. Die Äpfel sollen weich sein, aber nicht zerfallen.
  • Alle festen Zutaten aus dem Fond heben und in vorbereitete Gläser geben, Sud aufkochen und kochend heiß bis zum Rand in die Gläser füllen, fest verschließen und auf dem Kopf stehend auskühlen lassen (ist bei Weckgläsern natürlich nicht nötig, Metallspange drauf und gut ist).

→ theoretisch dürfte das heiß Einfüllen genügen, ich habe damit noch keine schlechten Erfahrungen gemacht. Da ich aber leichte Paranoia davor habe, mir Arbeit zu machen, und am Ende verdirbt doch alles, oder schlimmer: Ich verschenke etwas, das dann verdorben ist…, habe ich meine Gläschen noch in den Backofen in ein Wasserbad gestellt, Temperatur auf 175°C und gewartet, bis in den Gläsern Bläschen aufgestiegen sind. Ich denke nicht, dass da irgendwas , was nicht reingehört, überlebt haben kann…

Da haben die Dornen Rosen getragen…

Zwar gibt es bereits unzählige Optimismus-Aphorismen, die man so lange um die Ohren gehauen bekommt, bis man sie nicht mehr hören kann (das geht zumindest mir manchmal so, wenn es so ganz abgelutschte Dinger sind wie das mit dem Glas: „Also MEINS ist ja immer halbvoll…“). Folgenden aber habe ich tatsächlich noch nie gehört und finde ihn sehr schön; und das nicht nur, weil ich seitdem permanent einen Ohrwurm von „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ habe.

Mein Liebling hat ihn mir geschickt, bevor wir aufgrund der Wüstenexkursion keinen Kontakt mehr haben konnten. Vielleicht mag ich ihn auch deswegen so.

„Ärgere dich nicht, dass der Rosenstrauch Dornen trägt,

sondern freue dich, dass der Dornenstrauch Rosen trägt.“

(Arabisches Sprichwort)


Mich hat dieser Aphorismus auf jeden Fall auf eine Idee gebracht: Vor einiger Zeit habe ich mir in einer Nachtaktion die Nägel lackieren wollen; nicht nur irgendwie, nein, rot-metallic sollte es sein, mit Magnet-Effekt, darüber wollte ich in knallblau phönizische Buchstaben haben, wobei mir mein Freund bei der rechten Hand helfen musste. Ich war für die Aktion eigentlich schon viel zu müde, und das unvermeidliche kam: Das Fläschchen mit dem roten Lack glitt mir aus der Hand und eine Menge ergoss sich auf meine rosafarbene Tagesdecke. Auch mit Literweise Nagellackentferner und Fleckenteufel ging das Zeug nicht restlos raus und der Fleck ist echt hässlich.

Die Idee ist nun, den Fleck mit einer großen Kreuzstich-Bauernrose zu überdecken und eben jenes Sprichwort daneben zu sticken. Wenn das Ergebnis einigermaßen so wird, wie ich es mir vorstelle, wird es eine dekorative Geschichte, auf die ich mich schon wirklich freue. Ich muss jetzt nur noch eine schöne Stickvorlage finden, dann kann es losgehen. Nadeln, Garn und Stickrahmen warten schon.


Wie sich herausstellt, ist es gar nicht so einfach freie Stickvorlagen für Rosen zu finden, und auf Geld ausgeben hatte ich jeztzt nicht so wahnsinnig viel Lust. Also: Selber machen. Das Problem: Ich habe noch nie im Leben irgendetwas in Kreuzstich gestickt (doch, in der Grundschule ein Nadelmäppchen für meine Mama, da waren alle möglichen Stickstiche drauf), geschweige denn eine Vorlage erstellt. Aber: Es ist so simpel, denn es gibt ein Computerprogramm dafür: den Stitch Creator von softonic (http://stitch-creator.softonic.de/?ab=2). Man muss zwar ein bisschen ausprobieren, aber dann klappt es. Ich konnte sogar genau angeben, welche Garnfarben ich habe, und das Programm hat die Vorlage daraufgin angepasst. Außerdem kann man dann selbst noch Feinabstimmungen vornehmen. Also:

2014-09-16 13.23.46 Das Corpus Delicti. Nicht, dass man es sich so noch übers Bett legen wollte…

HattersheimerRose Das ist ein Foto einer Rose aus dem Garten meiner Eltern, das ich mit dem Lasso-Tool etwas zurechtgeschnitten habe (es empfiehlt sich, auch, wenn man die Vorlage dann noch bearbeiten kann, dem Programm doch in etwa den Bereich zu geben, den man dann haben möchte und nicht so viel Schnick Schnack außenrum. Nach meiner Bastelarbeit am PC und der Umwandlung hatte ich dann folgendes auf dem Bildschirm:

Screenshot (1) Natürlich wollte ich auch sofort wissen, wie jetzt meine Fähigleiten als Kreuzstich-Stickerin sind und habe einfach mal losgelegt. Das Material ist gut geeignet, aber ich überlege schon, die Kreuze das nächste mal etwas größer zu wählen, es dauert ewig! Der momentane Stand der Dinge:

2014-09-18 11.41.10 Gut, man sieht Ungenauigkeiten, und irgendwo am Anfang habe ich mich kräftig verzählt, was ich jetzt langsam ausgleichen muss. Aber im Großen und Ganzen… Ich habe den Sticktwist, der ja in der Regel 6-fädig ist, gedrittelt, weil es sonst zu dick geworden wäre. Das Blatt und der Teil direkt darüber sind noch mit halbiertem Faden, das wurde mir zu grob. Etwas Schwierigkeiten machen diese dickeren Längsrippen, da im Muster zu bleiben ist tough. Aber es scheint ja doch irgendwie hinzuhauen.

2014-09-20 10.24.15 Und: Hier ist die Rose komplett. Es ärgert mich ein bisschen, dass man wirklich deutlich sieht, wo ich schon Routine hatte (das linke Blatt habe ich zuerst gestickt, das rechte ganz zum Schluss, da bin ich dann auch trotz Rippe zeilenhaltig geblieben. Ach ja: Das Verzählen vom Anfang hat sich auch fast bis zum Ende bemerkbar gemacht. Aber gut: Das hier ist ein close close Close-up, so genau werde ich mir meine Tagesdecke wohl selten anschauen. Wobei… Jetzt fehlt noch die Schrift außenrum, aber die muss ich noch ein bisschen üben, bis die auf den Stoff darf. Wahrscheinlich wird es eine Spaltstich-Stickerei werden, damit ist man für Schrift relativ flexibel, das habe ich schon mal an einer phönizischen (ja klar, was auch sonst???) Kissenhülle ausprobiert.

Ritualisierung, Ritual, Tradierung, Tradition

„Tradition ist Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche.“

                                                                                                           (Gustav Mahler)


Die Unterscheidung dieser Begriffe treibt mich seit ein paar Tagen um, und angefangen hat es mit einem Frühstück bei meiner Tante. Am Abend des gleichen Tages noch wurde ich krank, was, wie ich betonen möchte, nichts mit dem Frühstück zu tun hatte. Irgendwie schleppte ich mich zur Arbeit und war am nächsten Morgen total daneben. Als eben jene Tante mich dann zufällig anrief und das hörte, lud sie mich zum Übernachten ein, was wunderbar war, denn so konnte ich mich einfach mal wieder von vorne bis hinten verwöhnen lassen. Dann folgte noch ein Frühstück, noch eine Übernachtung,… wir verbrachten fast die ganze Woche zusammen, denn sie hatte Urlaub, und da mein Liebling ja gerade in der Wüste unterwegs ist und ich für die zu schreibende Hausarbeit zu schlapp, passte es perfekt. Dies nur zum Vorlauf, der geneigte Leser wird sich mit Recht fragen, was das mit dem Titel zu tun hat. Einiges, wie mir klar wurde. Ich habe mich wohlgefühlt. Nicht auf die Art, wie es vielleicht der Fall ist, wenn man im Urlaub ist, oder einem schönen Café oder so, sondern heimelig wohl, denn:

Ich bin ein Ritual- und Traditionsmensch. Beides gibt mir ein Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit.

Ich komme aus einer Tradentenfamilie, auf ganz unterschiedlichen Ebenen: Es gibt sehr viele Insider in meiner Familie, die entweder schon aus den Familien meiner Eltern stammen, oder aber solche, die wir selbst geprägt haben. Das können auch Zitate aus Filmen sein („Dann isses ja gut“ aus Ronja Räubertochter zum Beispiel) oder aber auch die Filme an sich, die uns ein bestimmtes Gefühl der Kindheit vermitteln, so eine Art warmer Kakao für die Seele. Das sind vor allem die Astrid-Lindgren-Verfilmungen, Augsburger Puppenkiste, tschechische Märchenfilme,… Es kommt tatsächlich vor, dass wir sie von Zeit zu Zeit noch zusammen schauen, mindestens aber drüber reden.

Wir tradieren auch Begebenheiten. Erzählen uns immer und immer wieder, wie dies und das doch gewesen ist, damals im Winterurlaub oder mit Uroma/ den Großeltern,… Das hält das Erlebte lebendig und vermittelt einen Hauch des Gefühls des Erlebten.

Echte Traditionen leben wir auch, vor allem an Feiertagen wie Weihnachten und Ostern, da gibt es auch wieder alte Traditionen, die meine Eltern von zu Hause mitbringen, und solche, die in unserer Familie gerade erst in der Generation meines Bruders und mir Tradition werden. Man ist durch solche Traditionen nicht unter dem Druck, etwas neu für sich erfinden zu müssen, sondern kann sich ein wenig ausruhen, fallenlassen. Wie entspannend heutzutage!

Das, was ich jetzt in den letzten Tagen bei meiner Tante erleben konnte, war noch nicht Tradition glaube ich, wohl aber Ritual. Bettfertig machen zum Beispiel läuft immer, also auch wenn wir zusammen in den Urlaub fahren, nach einem festen Ritual ab (also das volle Beauty-Verwöhn-Programm). Dazu gehört, dass sie die Führung übernimmt und ich mich ganz in die Rolle derer begebe, die die Anwendung genießen kann (und das entsprechend lobt). Ein Ritual, an das ich mich gewöhnen kann! 🙂 Lustigerweise vermittelt dieses Ritual eben genau das Gefühl: Wir sind im Urlaub. Im Urlaub also hat eine Ritualisierung begonnen, die jetzt schon greift.

Beim Frühstück ist es ähnlich: Traditionell (!) gehört dazu aufgeschnittener Apfel und Karotte, sowie ein gekochtes Ei, Toasties, Finn-Brötchen, Dinkelbrot und irgendwas mit Körnern. You get the point? Es ist eine mega-Auswahl! Zu trinken gibt es, auch traditionell Frühstückssaft-Schorle und Kaffe. Zum Ritual gehört es, dass meine Tante Hummlen im Hintern hat und ich meistens noch nicht mal mein Brot selbst toasten kann, weil sie bereits aufgesprungen ist. Außerdem betonen wir eine gefühlte Milliarde mal, wie gut es uns doch geht (es stimmt ja auch!).

Es ist ein Ritual, das traditionelle Elemente hat und vielleicht gerade selbst zur Tradition wird, denn wir treffen uns regelmäßig. Auch das erste Mal, dass meine Tante meinen Freund kennenlernte, war bei einem Frühstük bei ihr. Also doch schon Tradition? Auf jeden Fall konnte er da schon mal sehen, worauf er sich u.a. so einlässt… 😉

Abschließend: Der ein oder andere mag das vielleicht für langweilig oder eingefahren halten, aber ich wäre nicht ich ohne diese Verbundenheit mit dem Vergangenen und der Freude am Wiedererleben und Ritualisieren von Schönem (nicht alles, was schön ist, wird tatsächlich Ritual, auch das finde ich spannend: Welche Dinge schaffen es, welche nicht und warum?). Es geht ja auch nicht um stumpfes Wiederholen, sondern um ein Lebendighalten von Dingen, die einem wichtig sind. Wie könnte das je langweilig werden?

 

Lobe den Herrn, meine Seele!

Und der Ohrwurm für den heutigen Tag:

„Lobe den Herrn, meine Seele,

und seinen heiligen Namen;

was er dir Gutes getan hat,

Seele, vergiss es nicht!

Amen.“

Ein schöner Kanon, den ich bei der Gauklertruppe „Wanderwind“ kennenlernen durfte. Er begleitet mich, und seit einiger Zeit gibt es kaum etwas, das meinen Gemütszustand besser beschreiben würde.

Ich darf momentan erfahren, dass ein geliebter Mensch tausende Kilometer entfernt sein kann, aber dies eben nur eine räumliche (und zeitlich begrenzte, wenn auch für längere Zeit) Trennung ist. Außerdem gibt es Skype… So kann ich vollkommen gelassen zu Hause vor dem Computer sitzen und zusehen, wie er einen gigantischen Rucksack für einen Zehn-Tages-Trip durch die Wüste packt. Zehn Tage kein Kontakt, Null, aber ich weiß und fühle, dass sich unsere Seelen dennoch so nah sind, dass der andere immer präsent ist.

Jedes liebende Herz wird meine Freude verstehen!

Und das geht an den Einen:

„Führe die Straße, die du gehst,

immer nur zu deinem Ziel bergab!

Hab, wenn es kühl wird, warme Gedanken,

und den hellen Mond in dunkler Nacht.

Und bis wir uns wiedersehen,

halte Gott Dich fest in seiner Hand.

Bis wir uns mal wiedersehen,

hoffe ich, dass Gott dich nicht verlässt!

Er halte dich in seinen Händen,

doch drücke seine Faust dich nie zu fest.“

(Irischer Reisesegen)